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Eine Reise mit dem Rucksack um die Welt T17

Der 16. Tag

Salamanca (Spanien), den 26.9.84

Die Sonne scheint. Ich sitze im Park von Salamanca und lasse die letzten Tage Revue passieren. Als ich vor einigen Tagen an der Avenida Diagonal in Barcelona stehe und mal wieder meinen Daumen in den Wind halte, treffe ich auf einen Tramper, der ziemlich deutsch aussieht.

Tatsächlich entpuppt sich das Bürschchen als augsburger Psychologiestudent. Sein Name ist Peter. Das einzige, was ich bis dahin von Augsburg kannte, war die Augsburger Puppenkiste. Aber diese Wissenslücke sollte sich bei mir bald, dank der werten Mitarbeit von Peter, schließen.

Wir haben uns dann zusammengetan, sozusagen als Zweckgemeinschaft, die den gleichen Weg hat und sind seit Barcelona zusammen getrampt. Peter wurde so etwas wie mein Mentor. Seine Spanischkenntnisse halfen uns enorm weiter. Ich habe viel von ihm gelernt, vor allem was Mädchen betrifft. Von „Calatajud“ aus sind wir mit dem Zug gefahren, denn in dieser Gegend (ca. 250 Kilometer von Madrid entfernt) sollte es nichts außer Kakerlaken und gleißender Sonne geben, von freundlichen und mitnahmebereiten Autofahrern ganz zu schweigen.

Ein bisschen wirkte das Nest, wie diese verlassenen Goldgräberstädte im Wilden Westen von Amerika, wo diese runden Wattebäuschchen durch die leeren sandigen Straßen wehen und die halb ausgehängte Saloontür im Wind hin und her knarrt. Jeden Augenblick erwartete man irgendwie, dass gleich John Wayne auftaucht und mit einer abgesägten Schrotflinte losballern würde.

Wir hatten uns dann entschieden den nächsten Zug zu nehmen, der kommen würde. Leider fuhr der erst am nächsten Tag! Dafür aber war es der zweitschnellste Zug von ganz Spanien und hatte nur etwa 2,5 Stunden Verspätung. Der hochmoderne und riesige Zug (ganze zwei Wagen lang!) konnte mit Holzbänken aufwarten und brauchte für ca. 300 Kilometer nur etwa 7 Stunden!

Eine Reise mit dem Rucksack um die Welt T16

Die Müdigkeit, die sich in  seinen Fahrfehlern seit ein paar Hundert Kilometern manifestierten (Konzentrationsprobleme) würden ihn schon zur Vernunft bringen, dachte ich. Die Natur verlangt ihr Recht.

Die schnurgeraden Autobahnen bei Nacht bieten dem Auge keine Abwechslung, so dass man leicht während des Fahrens einschläft. Endlich in Spanien und endlich auf der“ sunny side of the road“,  so auch der Titel von dem Buch, das mir Freunde mit auf den Weg gegeben  hatten. Sonne pur.

Klaus hat mich irgendwo in der Stadt abgesetzt. Ich muss noch ziemlich lange laufen bis zum <Estacion de Terminal Francia>, dem Bahnhof von Barcelona. Hier kann ich Geld wechseln und mir einen Stadtplan besorgen. Klaus bot mir an, mit ihm und seinen Freunden in Gibraltar zu surfen. Ich war erfreut über das Angebot, aber ich hatte meine Bedenken. Wenn Klaus tatsächlich so weiterfuhr ohne Pause zu machen, dann wären wir nie am Ziel angekommen und ich hatte noch einiges vor. Ich bin einfach noch zu jung zum Sterben. Ich bin müde und wieder mal sehr hungrig.

Eigentlich schade, dass ich die Provence, von der ich mir einiges versprochen hatte, nur bei Nacht und mit 200 KM/h durchfahren hatte. Aber um 5.00h morgens auf der Autobahnabfahrt „Montpellier est“ abgesetzt zu werden, war auch nicht sehr verlockend.

Da spielt eben der Zufall Regie und gibt mir den Weg vor. Barcelona ist sehr laut und hektisch, so die ersten Eindrücke. Autoschlangen, die eine sichtbare Dunstwolke mit sich führen und sich um große alte Denkmäler herum schlängeln sind mir noch gut in Erinnerung. Polizisten mit MP‑Gewehren in dicken Lederstiefeln und braunen Uniformen und das bei 26 Grad im Schatten. Ich bin selbst viel zu dick angezogen. Als erstes ziehe ich mir die Jacke aus, verstaue sie im Rucksack und kremple meine langen Hemdsärmel hoch. Dann ziehe ich meine dicken Wanderstiefel aus und tausche sie gegen leichteres Schuhwerk. Die Sonne tut unendlich gut. Ich bin sehr müde und beschließe mit dem gerade erstandenen Straßenplan zum Hafen hinunter zu gehen um ihn dort zu studieren. Mein erster Wunsch ist ein Dach über dem Kopf zu finden für die Nacht. Mein Stadtführer hilft mir dabei.

Die Schiffe schaukeln im leichten Wellengang des Meeres und die sommerliche Luft lässt mich zusammen mit den Lichtreflexen auf den Wellen beim Suchen eindösen. Der Schlaf ist flach aber wohltuend. Zu groß ist die Angst, zu versäumen, wie jemand sich mit meinem ganzen Hab und Gut aus dem Staube macht. Ich habe es mir deshalb zur Angewohnheit gemacht, auf meinen Sachen zu liegen, bzw. den Rucksack mit der Parkbank so zu verschnüren, dass ein schnelles wegziehen (ohne mich dabei zu wecken) unmöglich ist. Schließlich möchte man dem Dieb ja  wenigstens  noch  hinterherwinken, um zu sehen, wer künftig  seinen Lieblingspullover trägt.

Eine Reise mit dem Rucksack um die Welt T15

Es ist spät, also werde ich jetzt Lebensmittel und Seife einkaufen, bevor es wieder stärker regnet. Gleich werde ich mich wieder einreihen in die vieläugige anonyme Schlange aus Menschen und werde dann vielleicht selbst zu einem Objekt in einem Buch werden, so wie meine Figuren aus diesem Buch an mir vorbeigegangen sind.

Gleich verschmelze ich mit dem scheinbar nie abbrechenden Strom von Franzosen. Noch einmal Luft holen als Individuum und dann los. In ganz Paris scheint es nur eine Handvoll von Lebensmittelläden zu geben. Die Franzosen kaufen selten etwas zu essen ein. Sie gehen viel lieber in ein Straßencafe und lassen sich das Essen vorsetzen. Dagegen gibt es an jeder Straßenecke  einen alten Buchladen. Die Franzosen sind scheinbar hochintellektuell, aber von Büchern wird man nicht satt. Nach einer Stunde Suchen habe ich schließlich eine klitzekleine Epicerie gefunden.

Den ersten Clochard habe ich auch schon gesehen. Metro fahren macht viel Spaß. Zuerst habe ich überhaupt nichts verstanden. Wahrscheinlich zu intellektuell für mich als Ausländer. Am zweiten Tag habe ich fast alles verstanden und zwar so gut, dass ich es sogar wagte, ohne Fahrschein zu fahren. Das sollte man heute wegen der allgegenwärtigen Videoüberwachung tunlichst vermeiden. Die kleinen, flotten Politessen machen sich einen Spaß daraus, süße, kleine, ausländische Tramper mit Bußgeldern  zu beglücken.

Barcelona

Ich bin todmüde nach einem 10 Stunden Non‑Stop‑Lift von Les Mans nach Barcelona. Ich habe nicht schlafen können, weil ich Angst hatte, dass mein Fahrer einschläft und wir beide erst im Himmel wieder aufwachen.

Wir haben viel gesprochen  über das Leben und alles Andere. Klaus ist Deutscher und Arzt. Er will mit seinem Surfbrett auf den Dach noch runter bis Gibraltar, wo er Freunde trifft. Er nimmt das Leben ziemlich locker, hat aber nie Zeit. Nie würde ich  versuchen, nur mit kurzer Pause (fast  Non‑Stop) von Freiburg nach Gibraltar zu fahren. Ich riet ihm dringend dazu, ein Schläfchen zu machen und dann ausgeruht die Reise fortzusetzen. Er wollte es sich überlegen‑ Ärzte!

Eine Reise mit dem Rucksack um die Welt T14

Schon komisch, wie abhängig der Mensch von der Sonne ist. Bei mir scheint der Hunger nach Sonne und damit Wärme und Geborgenheit noch größer zu sein als bei anderen. Die Sonne zeigte sich mir nur einmal kurz in Gent. Aber auch wegen der Sprache bin ich guten Mutes, da im Spanischen doch vieles vom Lateinischen abgeleitet werden kann und ich viel offener den Menschen begegnen kann als hier in Frankreich. Ich verspreche mir auch viel von dem Wettergefälle zwischen Norden und Süden. Je mehr Sonne, desto freundlicher die Menschen, so meine Vermutung.

Habe ich die Briefe an meine Eltern eingesteckt? Sie machen sich bestimmt schon Sorgen, obwohl ich erst vier Tage weg bin. Ich habe es mir zur Pflicht erklärt, in unregelmäßigen Abständen von meinem jeweiligen Aufenthaltsort eine Karte zu schicken. Auf diese Weise sind sie beruhigt und wissen immer meinen letzten Aufenthaltsort (zum Suchen, falls ich mal verschwinden sollte). 

So ganz nebenbei bekommt man auch eine stattliche Sammlung von Postkarten, die nach der Reise prima zusammen mit Fotos in ein Album geklebt werden können. Mein erstes Hotel war am Place Pigalle, der Reeperbahn von Paris. Sexkinos, Sexshops, Lifeshows und jede Menge von Prostituierten. Eine Bar neben der anderen, alle in rotes Licht getaucht mit halbnackten, überschminkten Frauen.

Sie legen die Beine übereinander, rauchen Zigarette und warten auf Kundschaft. Hier kommen sie her die Klischees von den grellgeschminkten und Perücken behängten Nutten mit ihren weißen Pudeln an der Leine. Neugier treibt mich in einen Sexshop hinein. Die Bilder zum Teil ekelhaft, wie beim Metzger, rotes Fleisch in Ekstase. Blonde Haare, braune Haare und ohne Haare. Wie oft kann man den sexuellen Akt verschieden darstellen? Zwanzigmal, oder zweihundertmal? Ich weiß es nicht und will es auch nicht wissen.

Der Regen hat etwas nachgelassen, aber dafür ist es windig geworden. Ich muss noch Seife kaufen, da ich meine Seife in der Jugendherberge von Brügge gelassen hatte. Wieviel Schmutz dieser Welt könnte man mit einem Stück Seife säubern? Ja, es beschäftigt mich, denn ich war immerhin nicht nur unangenehm berührt von dieser Atmosphäre des Lasters und der Begierde.

Ich habe reagiert wie ein Mann zu reagieren pflegt. Immer öfter siegt das Fleisch über das Herz, obwohl das Gefühl doch um alles in der Welt mehr wert ist, als nüchterner kalter Sex. Es ist eine ganz andere Dimension, in der sich das Gefühl bewegt, irgendwie freier und nicht so festgelegt wie Sex. Während Sex immer in einem bestimmten Rahmen verläuft, aus dem er nicht heraus kann, kennt das Gefühl keine Grenzen.

Eine Reise mit dem Rucksack um die Welt T13

Ich bin betroffen von dieser Stimmung. Wehmut steigt in mir auf. Ich wäre jetzt auch lieber glücklich mit einem Mädchen, dass mich liebt. Statt dessen trampe ich mutterseelenallein durch die Welt. Wieso? Ich wüsste da auch schon ein passendes Mädchen. Sie  schwärmt von  Paris. Bin ich deshalb hier? Ich weiß es nicht. Vielleicht auch deswegen.

Ich habe mich noch nicht entschieden, ob ich Paris mag. Aber je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr beginne ich, Paris zu mögen. Man sagt ja, dass bei zwei Menschen, die sich zufällig treffen, die ersten 20‑ 30 Sekunden darüber entscheiden, ob sie sich mögen oder nicht. Mit mir und Paris ist das etwas anderes. Das Wetter ist kein Wetter für die Liebe auf den ersten Blick. Paris hat viele Gesichter und ich bin gespannt auf die anderen Gesichter von Paris. Ich kenne noch fast nichts von Paris, bis auf den Regen und die Tauben.

Paris hat internationales Flair (ein schönes Wort) und etwas ganz Faszinierendes an sich, das sich nur schwer in Worte fassen lässt. Hier gibt es alles, Hippies, Freaks, Popper und stinknormale, die so normal sind, dass sie schon wieder auffallen; Familien, Paare, Singles also Menschen aller Couleur. Alle leben irgendwie freiheitlich miteinander. Besser weiß ich es nicht zu beschreiben.

Die Sprache Französisch hat etwas feines und wohlklingendes an sich. Es ist eine Sprache für Sonn‑ und Feiertage und für die wichtigen Dinge im Leben, nichts für gewöhnliche Tage oder Dinge. Schade, dass ich so wenig von dieser Sprache verstehe. Die Menschen haben manchmal etwas Anonymes an sich, weil sie so verschieden sind und in so großer Anzahl auftauchen. Mich wundert, dass alle Menschen irgendwie hübsch aussehen, ohne besonders toll auszusehen.

Der gesamte Standard an Schönheit ist hier etwas höher. Die jungen genauso wie die alten Menschen sind irgendwie auf ihre Art „nice people“, oder auch weil sie überhaupt eine Art haben. Vielleicht liegt das an der Herkunft der Franzosen oder an dem Umstand, dass in Frankreich weniger Inzucht betrieben wurde als anderswo. Ich muss zusehen, wie ich mit meinem Englisch  hier weiterkomme. Mit einer anderen Sprache kommt man sich immer ein bisschen fremd vor, daher versuche ich, so viele französische Wörter zu benutzen wie möglich, um dazuzugehören.

Irgendwie tut es mir jetzt leid, dass ich mich damals in der Schule gegen Französisch und für Latein entschieden hatte. Ich freue mich schon auf Spanien, weil ich hoffe, dass dort endlich die Sonne scheint.

Eine Reise mit dem Rucksack um die Welt T12

Die Pariser sind mit Abstand die rücksichtslosesten Autofahrer, die ich bis jetzt gesehen habe. Klischees bewahrheiten sich. Während des dicksten Straßenverkehrs, der rush‑hour, fährt da ein großer, weißer BMW in eine Parklücke, die ich nicht einmal mit einem Mini Cooper angesteuert hätte. Voila, eine artistische Leistung, die wohl vor allem der Parkplatznot entspringt, die in Paris herrscht. Hier gibt es keine Fahrbahnbegrenzungslinien wie bei uns, manchmal stehen drei Autos nebeneinander, oder aber vier und mehr. Für mich ist das ein chaotischer Verkehr, der aber trotz allem funktioniert. Jetzt gerade setzt ein Auto aus einer Parklücke so zurück, dass es gegen das Auto hinter ihm stößt bis es wackelt und scheppert. Der Fahrer kümmert sich überhaupt nicht  darum und fährt fort als sei nichts gewesen. Schon verrückt diese Pariser.

Man setzt sich in ein Straßencafe und plaudert oder betrachtet einfach die vorübergehenden Leute. Die Augen der Männer sind ständig in Bewegung, aber wenn eine Frau vorübergeht scheinen sie versteinert zu sein. Ich muss an die steinerne Sphinx denken. Es regnet in Strömen, so dass ich meinen Wunsch nach Sehenswürdigkeiten erst einmal zurückstelle.

Bevor ich  riskiere bis auf die Haut nass zu werden, weihe ich lieber mein Notizbuch mit den ersten Reisenotizen ein. Langsam beschlagen die Scheiben und das Beobachten fällt schwer. Was machen die Männeraugen? Sie schauen immer noch wie versteinert auf die regennasse Straße. Abgelenkt werde ich von neun jungen Franzosen, die scheinbar vor dem Regen geflüchtet sind. Sie haben sich an den Nebentisch gesetzt und schießen jetzt mit Papierkügelchen, die sie mit Druck durch ihre Strohhalme pusten.

Schon verrückt, bei Dauerregen und maximal 14 Grad laufen die Mädchen im Minirock herum, haben weiße Sachen und eine Daunenweste an. Mir scheint, dass sie ihre Kleidung nicht nach dem Wetter richten, sondern sich das Wetter gefälligst nach ihnen richten soll. Sie laufen in der Kleidung herum, die sie gerade zeigen wollen, ob sie zum Wetter passt, ist völlig zweitrangig. Ich bin noch nicht lange hier, aber mir scheint, die Pariser sind ein Volk von Narzissten und Spannern. Wobei die Frauen die Rolle der Narzissten übernehmen und den Männern das Spannen zufällt. Obwohl auch die Männer ziemlich gewagt angezogen sind, nicht direkt ausgeflippt, aber doch hat jeder seinen eigenwilligen Stil. Wobei ich feststellen muss, dass dies auch noch altersabhängig zu sein scheint. Je älter, desto ausgeprägter ist  ihr Stil.

Will der Regen denn gar nicht aufhören? Ich wäre auch gern so ausgelassen wie die jungen Franzosen am Nebentisch, aber mir fehlt eine Bezugsperson. So schwelge ich lieber in Gedanken und beobachte weiter. Paare gehen Arm in Arm vorbei und schauen sich verliebt an. Der Mann legt schützend seine Jacke über ihre Schultern.

Eine Reise mit dem Rucksack um die Welt T11

Am anderen Morgen sah die Welt schon viel freundlicher aus, nicht nur weil ich geschlafen habe wie ein Brett, sondern auch weil der Himmel erbarmen mit mir zeigt: es hat aufgehört zu regnen.

Ich versuche noch einmal Hans zu erreichen. Wieder nichts. Ich stecke den Brief, den mir Ulf mitgegeben hat in den Briefkasten und will weiter trampen nach Antwerpen. Noch schnell etwas für unterwegs gekauft. Aber Pech gehabt, die Geschäfte machen erst in einer halben Stunde auf. Vollmilch und ein paar Pakete Mars als Marschverpflegung. Ein paar Riegeln schlinge ich auf der Straße herunter.

Die Leute gaffen‑ sollen sie ruhig. Jetzt brauche ich ne Bank, um Gulden in belgische France zu wechseln. Wieder viele Kilometer zu Fuß und mit vollem Marschgepäck. Nachdem das erledigt ist, suche ich nach einer Ausfallstraße in Richtung Antwerpen. Niemand hält. Die Welt ist schlecht und meine Eltern hatten Recht. Ein paar kurze Lifts von 5‑ 20 Kilometern bringen mich nur sehr langsam voran. Ich brauche 12 Stunden für die 200 Kilometer von Amsterdam nach Antwerpen! Von meinem Heimatort zur holländischen Grenze waren es gerade mal 9 Stunden und das zwischen 20.00 und 4.30 Uhr.

Antwerpen, Brügge, Gent

Fällt weg, da ich keine Lust zum Schreiben gehabt hatte. War aber auch bis auf ein paar kleine zwischenmenschlichen Begegnungen nichts Besonderes.

Paris 14/15. Sept. 1984

Ich sitze im Straßencafe am Boulevard St. Germain und beobachte die Leute. Mein  erster Eindruck: Menschen, Menschen, Autos und eine rege Betriebsamkeit. So viele Menschen und alle in dieser riesigen Stadt mit ihren alten Bauten und Millionen von Tauben. Ich musste durch die halbe Stadt laufen, weil kein Hotel mehr ein Zimmer für mich hatte. Jetzt habe ich ein viel zu teures Zimmer gefunden, für 90 Francs aber mit Breakfast und Shower.

Eine Reise mit dem Rucksack um die Welt T10

Ich werde mich an die schwere Last erst noch gewöhnen müssen. Am besten versuche ich gut freund zu sein mit meinem Rucksack, wenn ich ihn schon durch halb Europa schleppe. Hans ist wieder nicht da. Dann werde ich eben erst telefonieren.

Man, dieser Regen! Alle Apparate sind besetzt. Warten! Will dieser Typ denn überhaupt nicht aufhören zu telefonieren? Gott sei Dank, neben ihm der Apparat wird gerade frei. Zu früh gefreut: der Apparat akzeptiert nur 25 Cent‑ Münzen. Wieder warten. Telefoniert der mit seinem ganzen Stamm? Ich friere. Endlich geht er. Wie war doch gleich die Nummer, die mir der freundliche Holländer gegeben hat, der mir den Lift Groningen ‑Amsterdam gab? 09 49‑ dann die 0 von der Vorwahl weglassen und die Ziffern des Anschlusses wählen. Wer hätte an die ganzen verschiedenen Vorwahlen denken können, die man im Kopf oder zumindest auf einem Zettel haben sollte? Das Rufzeichen ertönt‑ dann eine Stimme, leise aber doch überraschend deutlich: meine Mutter ist dran. Sie fragt nicht viel, ich lasse sie nicht dazu kommen. Ich erzähle, was mir gerade einfällt. Klick schon wieder eine Münze durchgefallen. Telefonieren ist nicht billig.

Jetzt fällt mir auf, dass der Hörer ganz heiß ist. Wie weit hat der Dunkelhäutige telefoniert, Äthiopien oder Südafrika?  Das Geld ist alle. Ich stehe wieder allein im Regen in dieser riesigen fremden Stadt. Noch einmal zu Hans. Ich klingele. Es steht kein Namensschild draußen an der Tür aber die Hausnummer stimmt. Nichts passiert. Was nun?

Ich habe Hunger, richtig Kohldampf. Ich kaufe mir Milch und eine Flasche Wasser. In meiner Tasche habe ich noch etwas Schokolade. Nicht gerade das gesündeste und nahrhafteste Essen, aber mein Magen ist schon dankbar für Kleinigkeiten. Die unregelmäßige Nahrungsaufnahme und die Qualität der Nahrung machten meiner Verdauung arg zu schaffen. Dies Problem wollte ich in den Griff bekommen, wenn ich erst einmal irgendwo angekommen war. Oh je, jetzt wieder die 7 Kilometer zu Fuß zurück zur Jugendherberge. Gott sei Dank, ohne Rucksack. Das ist ja schon einmal ein Vorteil. Ich werde zum Berufsoptimisten.

Eine Reise mit dem Rucksack um die Welt T9

Die Herberge liegt fast am Ende der Stadt und zudem in der Nähe des „Red Light District“, also des Rotlichviertels von Amsterdam. St. Pauli auf holländisch. Hier gibt es viele Ausländer, hauptsächlich tamilischer Herkunft, aber auch alte Kirchen wie den Munt und tolle Grachten. Wie sieht Amsterdam wohl bei Sonnenschein aus? Viel zu schwierig, sich dies vorzustellen bei dem Dauerregen.

Hasch? Was, Hasch? Nein, Danke! Wirklich sehr freundlich, aber „no interested“. Oh man, ist der hartnäckig. Was? Wo ist die Kneipe? Kannst Du mir nicht  vielleicht sagen, wo ich zum Klowenirsburgwaal komme? Jeugdherberges! Do you understand? Oh man, noch so weit? Ich kann nicht mehr, der Rucksack bringt mich noch um. Ich schwitze und habe noch nichts gegessen. Anrufen! Ich muss zu Hause anrufen und durchgeben, dass ich noch lebe. Sehe ich so aus, als wenn ich nach Amsterdam komme um mir Hasch reinzuziehen? Wenn ich mich jetzt selbst so sehen könnte, mit meinem Rucksack, der mir den Rücken bricht, durchgeschwitzter Kleidung und mit dreitage‑Bart, dann verstehe ich, warum er mich angesprochen hatte.

Hoffentlich ist Ulfs Freund und Griechenlandbekanntschaft wenigstens da, dann kann er mir ein paar Tipps geben, was man hier in Amsterdam anstellen kann und, wo es billige Unterkünfte gibt. Vielleicht hat er auch Platz, um mich ein zwei Tage aufzunehmen. Hans heißt er. Da ist sie ja endlich, die Jugendherberge. 

Endlich, geschafft. Puh, ich bin todmüde. Ich habe gar keine holländischen Gulden, fällt mir bei der Anmeldung ein. Man ist darauf vorbereitet, dass einige Möchtegern‑ und Anfängerglobetrotter nur heimische Währung dabeihaben. Sechzehn Gulden pro Nacht in einem Schlafsaal verlangen sie. Nicht schlecht für eine Jugendherberge, denke ich. Beim Wechseln hauen sie mich auch noch einmal über s Ohr. Wechselkurse müsste man eben kennen und möglichst aktuelle dazu. Mürrisch zahle ich das erste Lehrgeld und bin aber froh, duschen zu können. Endlich ohne den schweren Rucksack, was für eine Erleichterung.

Eine Reise mit dem Rucksack um die Welt T8

Kaum zu glauben, dass man mit ein paar Schritten schon in einem anderen Land sein soll. Die Luft ist die gleiche und sogar der Boden ist der gleiche wie bei uns; nur die Straßenschilder sehen anders aus.

Nach etlichen Stunden an der Grenze und unzähligen Kaffeetassen, fand ich jemanden der mich bis Groningen mitnehmen wollte. Wir hatten überraschender- weise kaum Verständigungsprobleme, was daran liegen sollte, das sowieso fast jeder Holländer Deutsch sprechen sollte. Die Betonung liegt auf fast, wie ich hinterher noch ausgiebig feststellen sollte.

Holland ist klein und so sprechen nicht viele Leute holländisch, so dass sich die Holländer genötigt sehen, andere Sprachen zu lernen. Englisch und Deutsch stehen dabei ganz oben an. Allerdings bedeutet sprechen können noch nicht sprechen wollen! Manche ältere Holländer schalten einfach auf stur sobald sie deutsche Sprache hören. Das Muss irgendwie eine alte Erzfeindschaft von früher her sein, wo es um darum ging, Grenzen zu ziehen. Irgendwie muss mir dieser „Krieg“ im Geschichtsunterricht verborgen geblieben sein.

Aber die Deutschen haben ja nicht umsonst so schöne Bezeichnungen wie „Käsköppe“ und „Pfeffersäcke“ für die Holländer im petto. Die holländische Bezeichnung für uns Deutsche habe ich übrigens vergessen. Aber so schön war sie nicht.

Es regnet in Amsterdam. Die Stadt ist sehr dreckig. Überall muss man aufpassen, nicht in einen von diesen Millionen Haufen Hundedreck zu treten. Der Rucksack liegt schwer auf meiner Schulter, er schmerzt sehr, obwohl der Schweiß ein wenig Abkühlung bringt. Ich bin klitschnass. Von außen durchweicht mich der Regen, von innen der Schweiß. Hoffentlich erkälte ich mich nicht. Immerhin habe ich ein paar Medikamente für den Notfall mitgenommen. Überall Abfälle und Hundescheiße. Die ganze Welt scheint voll davon. Wie kann man nur einen Hund in eine so große Stadt wie Amsterdam bringen? Und dann müssen es ja gerade die ganz großen Hunde sein, die man vorzeigen kann wie einen Mercedes. Oft genug versteckt sich hinter einem großen Hund nur der kleine Mut seines Besitzers. Arme Hunde.

Die Mädchen sind alle sehr hübsch. Keine ist dabei, die nach deutschen Maßstäben als hässlich betrachtet werden würde. Für mich gibt es sowieso die Unterscheidung hübsch/hässlich nicht für Menschen. Es gibt nur Leute, die mir sympathisch sind, oder eben nicht. Das ist absolut nicht das Gleiche; denn jemand, der hässlich ist, bleibt auch hässlich, weil es dafür eine Norm gibt, (die wer eigentlich aufgestellt hat?)während jemand der mir unsympathisch ist, immer noch die Chance hat, mir später noch sympathisch zu werden. Bei Anti‑ und Sympathie stelle ich allein die Norm auf.

Wer mir sympathisch ist, empfinde nur ich und kein anderer. Amsterdam ist groß. Ich frage mich durch bis zur Jugendherberge.  Ein Telefon als Münzapparat liegt genau entgegengesetzt zur Jugendherberge, so dass ich mich entschließe, die Griechenlandbekanntschaft von meinem Freund Ulf, später zu kontaktieren. Ich laufe und trage und frage und trage und frage und trage…