Eine Reise mit dem Rucksack um die Welt T35

Lassen wir die Nacht Revue passieren. Was war geschehen? Nach einem schönen Ausflug mit der Crew zum Miami Beach mussten wir uns beide vorsichtig heran tasten, denn schließlich wollte ja keiner die Intimsphäre des anderen verletzen, jedenfalls nicht zu diesem Zeitpunkt. Wer darf wann auf die Toilette und unter die Dusche? Alles kein Problem, wenn man das zusammen tun kann, aber soweit waren wir ja noch nicht. Also alles hübsch einer nach dem anderen.

Verstohlene, schüchterne Blicke zur Seite prägten die ersten Stunden, denn schließlich sollte es ja nicht so aussehen , als ob man etwas „sexuelles“ im Sinn hätte. Was denn sonst?  Die kostenlose Überlassung der Nutzungsrechte an dem zweiten Bett im Zimmer sollte schließlich nicht an eine kostenlose Überlassung der sexuellen Nutzungsrechte an meinem Körper gebunden sein. Das wäre auch nicht in Ordnung gewesen. Also lieber erst einmal keine Blöße geben und verdecken, was zu verdecken ist.

Sexuelle Aufgeschlossenheit kann man ja ruhig zeigen, man ist ja kultiviert und zur Aufgeschlossenheit erzogen worden. Nackt sein an sich ist ja nichts Schlimmes und verflucht sei der, der etwas sexuelles dabei denkt. Die Kultur ist ja eigentlich nur dazu da, die Menschen davon abzuhalten bei jeder sich passenden Gelegenheit übereinander herzufallen. Es würde sich den niederen Instinkten besser gefallen, aber man male sich das Straßenbild aus.

Nein, da muss also die Kultur herhalten, damit es schön nach gewissen Spielregeln geht. Kennenlernen, verabreden, verlieben, verabreden und bumsen. Immer schön der Reihe nach. Das ist ungefähr vergleichbar mit einem Etappenvertrag, bei dem jeder Vertragspartner auf jeder Etappe noch aussteigen kann aus dem Vertrag, ohne an etwas gebunden zu sein. Hochkultur in Reinkultur sozusagen, oder lieber kultivierter Exzess?

Eine Reise mit dem Rucksack um die Welt T34

Im Moment dachte ich an alles, nur nicht an meine Unschuld. Wir alberten herum und hatten Spaß miteinander. Die Sonne brannte unbarmherzig vom Himmel herunter und die Stimmung war einfach „great“. Als die Sprache auf meine Unterkunft kam, ließ ich leise anklingen, dass ich wohl in einem Ghetto gelandet wäre. Die Aussage verfehlte nicht ihre Wirkung. Nach einem kurzen Blick in mein Zimmer bot man mir helfend an, doch mit ins Crew Hotel umzuziehen. Die Zimmer hätten sowieso alle zwei getrennte Betten (die man notfalls im Handumdrehen zusammenschieben kann), da käme es auf einen mehr oder weniger nicht darauf an. Blieb nur die Frage, wessen zweites Bett denn über (sprich ungenutzt) sei.

Schließlich möchte sich ja irgendwie jeder noch eine Möglichkeit offenhalten. Fünf Tage waren schließlich schnell vorbei. Leider war das Zweit-Bett der süßen, kleinen Blonden  schon mit ihrem „Daddy“ belegt. Tja,“ Alter vor Jugend“, oder wie ging der Spruch? Ohne groß suchen zu müssen, bot mir dann schüchtern mein Tiefseeabenteuer aus dem „Seaquarium“ ihr leerstehendes Bett an. Was sollte ich machen? Genau, und das habe ich auch gemacht.

Ich zog also vom Ghetto ins Mariott um. Ein weiterer Vorteil , und das sollte nicht unerwähnt bleiben, ist ganz sicher die Nähe zur Crew. Auf diese Weise war ich bei allem was angesagt war, kurzerhand dabei, wenn ich wollte. Natürlich muss man sich schon absprechen, weil es ja nur einen Zimmerschlüssel gibt.

Als ganzer Mann sitze ich beim Frühstück. Das Frühstücksbuffet im Mariott ist 1a, da gibt es nichts zu mäkeln. Von Früchten über frisches Obst und Müsli ist alles dabei. Auswahl ohne Ende. Irgendwie dachte ich, wüssten die Köche vom Mariott schon, was man nach einer langen Nacht zur Stärkung bzw. Wiederherstellung aller körperlicher und geistiger Kräfte benötigt. Was ist eigentlich mit der Widerherstellung meiner seelischen Kräfte? Nun, die sollten nicht so leicht wieder herzustellen sein wie alles andere, aber der Reihe nach.

Eine Reise mit dem Rucksack um die Welt T33

Der nächste Versuch einer Kontaktaufnahme mit den Stewardessen  wurde von mir diesmal telefonisch angekündigt. Wir hatten einen Treffpunkt ausgemacht und waren mit einem Leihwagen zu viert ins „Seaquarium“ von Miami gefahren. Es war ziemlich lustig und ich konnte meinen ganzen Witz und Charme aufbieten, weil wir uns in meiner Landessprache zu unterhalten pflegten. Zum besseren Verständnis der englischen Sprache trug dies natürlich nicht bei.

Leider war die kleine Blonde nicht mitgekommen, die mir im Flugzeug so gefallen hatte. Ihr Vater war mitgekommen, um Urlaub zu machen. Und um den musste sie sich natürlich kümmern. Schade. Aber man kann eben nicht alles haben. Mit dabei war allerdings ein junger Steward, ich glaube er nannte sich „Purser“, weil er wohl der Abteilungsleiter der Stewardessen war, oder so ähnlich. Jedenfalls war er so von mir begeistert, dass er mir einen Job anbot, den ich in Deutschland für ihn machen könnte. Er wollte sich wohl demnächst selbständig machen. Stolz wie Oskar, dankte ich ihm für das Angebot und beantragte Bedenkzeit.

Während der Killerwal noch damit beschäftigt war die ersten Zuschauerränge nass zu spritzen, ging ich bereits mit einer Stewardess auf Tiefgang. Ohne das so richtig zu merken. Die Sympathie schwappte sofort über und sollte noch weitere Wellenbewegungen nach sich ziehen. Einen Rettungsring hätte ich schon ab und zu gebrauchen können, denn alles lief darauf hinaus, das ich meine Unschuld verlieren sollte. Irgendwie machte mir das ein bisschen Angst.

Natürlich war ich theoretisch dank „Bravo“ und meinem Freund  „Dr. Sommer“ bestens vorbereitet, aber ohne Praxis ist eben alles nur „graue Theorie“. Zu meiner Ehrenrettung muss ich sagen, dass ich schon einmal kurz davor stand, es im letzten Moment dann aber doch nicht dazu kam. Fummeln, Petting usw. war kein Thema, aber der „krönende Abschluss“ fehlte eben. Bis jetzt.

Eine Reise mit dem Rucksack um die Welt T32

Endlich weiß ich , was mit dem Wort „anrüchig“ gemeint ist. Mein Kleiderschrank scheint in seinem vorherigen Leben mal eine Unterlage zum Holzhacken gewesen sein, während mein Nachtschrank seine Herkunft  zu Apfelsinen-Kästen nicht verleugnen kann. Mit dem einzigen Kleiderbügel in meinem Schrank scheint schon mal jemand versucht zu haben, Selbstmord zu verüben. Offensichtlich erfolglos.

Ich glaube, alle Straftaten der Besucher dieser Nobel-Herberge zusammengenommen, dürften so etwa zehn Staatsanwälte zehn Jahre lang beschäftigen. Ein leichtes Gruseln hält mein Misstrauen wach. und meine Augen offen. Ich schlafe schlecht. Vielleicht die Hitze und die Umstellung. Oder das Gefühl, dass jeden Augenblick jemand ins verschlossene Zimmer kommt. Hier werde ich nicht alt, das wurde mir sehr schnell klar. Immerhin beruhigte mich der Umstand, dass noch andere Tramper dieses Rattenloch als ihr Domizil gewählt hatten. Ein altes verblasstes Schild wies die Herberge immerhin als Mitglied in einer Jugendorganisation aus.

Es hätte aber auch ein Mitgliedsnachweis vom Verein anonymer Alkoholiker sein können. So genau konnte das keiner erkennen. Was soll es. Schließlich wollte ich hier nur schlafen, so mir das gelingen sollte, aber schlafen wollte ich hier so wenig wie möglich. Dafür gab es einfach viel zu viel zu entdecken.

Das Crew-Hotel zum Beispiel. Es ist das Mariott Hotel und ein ganz schöner Gegensatz zu meiner „Nobel-Herberge“. Der Unterschied im Zimmerpreis beträgt dagegen lediglich 130 Dollar. Ein toller Blick auf den Yachthafen a la „Miami Vice“ entschädigt dafür aber allemal. Auch das Publikum ist etwas weniger angsteinflößend.

Das einzige was mir hier im Hotel Angst macht, sind die Stewardessen. Bei meinem ersten Besuch war die Angst allerdings unbegründet, da sie nicht anzutreffen waren. So hinterließ ich meine Adresse und sah mich ein bisschen um. Dass ich bei der Hitze viel trinken musste, war mir klar. Deshalb kaufte ich in einem „Supermarket“ gleich ein paar Flaschen Mineralwasser. Schließlich wusste ich nicht, ob die Wasserversorgung in meiner Nobelherberge auch für die Hygienepflege gesichert war. Natürlich hatte ich auch diesmal wieder meine Silbertabletten mit, um das Leitungswasser zu reinigen und zu entkeimen. Die leeren Wasser-Flaschen waren da willkommene Gefäße und wurden deshalb nicht weggeschmissen. Der Körper braucht ausreichend Wasser, damit sein Kühlsystem funktioniert (das Schwitzen) und man nicht irgendwann auf dem Trockenen sitzt.

Eine Reise mit dem Rucksack um die Welt T31

Als ich in Miami am Flughafen aus dem Flugzeug stieg, empfing mich gleißender Sonnenschein und eine Hitze, die mir das Gefühl gab, gegen eine Mauer zu laufen. Mein erster Eindruck von Amerika war dieser: „Hier in Amerika ist alles viel größer, als bei uns. Das Land ist weiter,  Wolkenkratzer, Autos und Straßen sind größer. Und selbst die Leute erscheinen mir irgendwie umfangreicher.“ Soweit also der erste schriftlich fixierte Eindruck von Amerika. Ich glaube, diesen Eindruck oder mindesten so einen ähnlichen, dürfte jeder Europäer von Amerika haben. Hier im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ spürt man erst so richtig, wie eng und klein Europa doch ist.

Miami hat so ein ganz eigenes Feeling, manche würden auch „Flair“ dazu sagen. Ich bekomme wieder dieses Globetrotter-Gefühl, ein Mix aus Fernweh, Abenteuerlust und Lust aufs Leben.

Ich freue mich, endlich wieder Sonne zu sehen und denke ich bin diesmal ganz sicher auf der „sunny side of the road“. Der Unterschied zur kalten BRD ist allerdings enorm, so etwa 28 Grad Differenz. Mein Kreislauf muss sich erst daran gewöhnen, so dass ich beschließe ihm dafür ausreichend Zeit zu geben. Obwohl die netten Stewardessen meinen Kreislauf enorm angeregt hatten, überkommt mich jetzt ein Gefühl der Müdigkeit, so dass ich beschließe, erst einmal ein billiges Zimmer zu suchen.

Ich nehme den Bus in die Stadt, oder soll ich schon City sagen? Mit der Zimmersuche gestaltet es sich ein bisschen schwieriger, als ich zuerst angenommen hatte. Mein USA-Verzeichnis aller Youth Host les und anderer billigen Break and breakfast- Herbergen hilft mir zwar dabei ganz enorm, aber unter „billig“ verstehe ich dann doch etwas anderes.

Schließlich entscheide ich mich für ein Rattenloch, dass immer noch 20 Bucks die Nacht kostet. (Zur damaligen Zeit aufgrund des hohen Dollarkurses 70 DM !!). Ein Ventilator, der nicht geht, und ein Etagenklo, das ich mit mindestens 25 Hispanoamerikanern und Schwarzen teilen muss, erinnern mich an ein Ghetto. 

Eine Reise mit dem Rucksack um die Welt T30

In dieser Deutlichkeit möchte ich das an dieser Stelle mal gesagt haben. Andere „Fachliteratur“ auf diesem Gebiet hüllt sich über dieses Thema in Schweigen. Man möchte ja seine geliebten Leser nicht vor den Kopf stoßen. Ich finde das dumm und deshalb sage ich es auch, Kunde hin, Leser her. Basta.

USA , Miami 1985

Im Flugzeug habe ich gleich versucht, meine „neue Linie“ durchzuziehen. Mehr  Selbstbewusst- sein möchte ich nach außen hin demonstrieren. Das scheint funktioniert zu haben, denn ich habe im Flugzeug gerade ein paar nette Stewardessen kennengelernt.

Eine von Ihnen hat mir Ihre Adresse vom Crew-Hotel in Miami gegeben. Wir haben uns die ganze Zeit während Ihrer Pause nett unterhalten. Ich habe gleich zu erkennen gegeben, dass ich noch keine all zu feste Planung vorgenommen habe und schon gar nicht unter Zeitdruck stehe. Die ganze Crew vom Flieger hat ein paar Tage Aufenthalt in Miami, wo sie machen können, was sie wollen. Wir planen mal ganz vorsichtig, vielleicht etwas zusammen zu machen. Die Reise über den großen Ozean beginnt hoffnungsvoll. Zum ersten Mal in meinem Leben sitze ich in einem Großraumflugzeug und fliege etliche tausend Meter hoch über den Wolken. Der Blick auf die Wolken von oben herab ist schon ziemlich eindrucksvoll und hinterlässt bei mir einen starken Eindruck. Ich träume vom Fliegen. Ich möchte irgendwann einmal auch fliegen können.

Später sollte dieser Gedanke vom Fliegen mich noch so fesseln, dass ich einen wunderschönen Traum haben werde. Während der Zeit im Flugzeug kreisten meine Gedanken aber eher um andere bodenständige Dinge. Die Lust darauf, neue Leute kennenzulernen, hatte mich gepackt, Wieder einmal. Ich fand mich bestätigt in meinen Reiseabsichten und empfand Stolz ob  meines neuen Auftretens.

Durch die vielen schönen und wenigen unschönen Erfahrungen gestärkt, nahm ich Kurs auf die Vereinigten Staaten von Amerika, auch als USA bekannt. Amerika, ich komme.

Eine Reise mit dem Rucksack um die Welt T29

Einen großen Anteil an dem Mut zu dieser Reise hatte sicherlich meine Ex-Freundin Gabi. Sie war bereits meine zweite große unglückliche Liebe, die mich schier verzweifeln ließ. Ihr habe ich es zu verdanken, dass ich den Mut fand, um dieses „Unternehmen Selbstfindung“ zu starten. Wenn ich damals eine feste Freundin gehabt hätte, wäre es mir weitaus schwerer gefallen, von ihr und meinem Heimatort wegzugehen.

Im Nachhinein, mit dem gebührenden Abstand betrachtet, war es damals ein Glücksfall, dass sie mir den Laufpass gab, um sich selbst zu finden. Wir sind heute noch gute Freunde und verstehen uns immer noch prächtig. Wir sehen uns zwar nicht allzu oft, aber wir haben Kontakt zueinander und sind wie Bruder und Schwester füreinander da.

Natürlich war ich damals, ob der zweiten Liebes-Niederlage in Folge, etwas deprimiert und mein ohnehin nicht riesiges Selbstvertrauen war stark angeschlagen. Und natürlich ist diese Reise auch wichtig für mein Selbstbewusstsein. Es ist doch schön, wenn man tolle Rückmeldungen von den Leute auf seine eigene Person bekommt. Am meisten stolz bin ich auf die Lifts von den Leuten, die eigentlich gar keine Anhalter mitnehmen wollten, bei mir aber die berühmte „große Ausnahme“ gemacht haben. Ich versuche, zu ihnen besonders nett zu sein, damit sie ihre Meinung über Tramper noch einmal ändern können.

Jeder Tramper sollte sich auch darüber klar sein, dass sein Auftreten gravierende Folgen für die weitere Mitnahmebereitschaft seines Liftpartners haben kann, bis zum völligen Entzug einer Mitnahmemöglichkeit. Tramper sollten daher wissen, dass sie sich mit schlechten Manieren und sonstigen üblen Gewohnheiten ihr eigenes Grab schaufeln.

Jede Art von Parasit muss einen Drahtseilakt vollführen. Auf der einen Seite möchten Sie den Wirt, sprich den Liftpartner, ausnutzen, aber auf der anderen Seite darf man es nicht übertreiben bis der Wirt total ausgesaugt ist, sonst würde man sich seiner eigenen Lebensgrundlage berauben. Wer sägt schon gern an dem Ast herum, auf dem man gerade sitzt?

Eine Reise mit dem Rucksack um die Welt T28

Ich bin froh, dass die Leute vorbeifahren, die mich nicht mitnehmen wollen. Es wäre fürchterlich, wenn ich bei ihnen mitfahren müsste. Überwiegend halten junge Leute an (so bis 35 Jahre), eher selten auch ältere. Irgendwie bin ich immer wieder aufs Neue erstaunt, dass es doch noch weitergeht.

Wie schon gesagt, Lebensphilosophie eben. Den schnellsten Lift bekam ich nach 5 Minuten, während ich auch schon mal sechs (6!!) Stunden auf einen Lift warten musste. Natürlich passiert unterwegs auch Kurioses, so waren zum Beispiel die ältesten Konkurrenten, die ich jemals beim trampen hatte, ein Ehepaar irgendwo zwischen 65 und 80 Jahre alt. Tapfer, tapfer. Und da stelle ich mich wegen der paar Blasen an. Lebensphilosophie!

Nicht umsonst heißt es im Volksmund: Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben (erzählen). Jetzt da ich wieder alleine reise, muss ich mich zur Disziplin zwingen, denn ich merke, dass ich schlampig werde. Das macht sich bemerkbar in der Wahl des Zimmers, Preise sind einem irgendwie egal und man hat sowieso nicht unbedingt einen Bezug dazu. Ich fühle mich wie ein Stück Treibholz auf wilden Stromschnellen, magisch angezogen vom immer lauter werdenden Wasserfall. Nur Selbstdisziplin kann mich vorm Untergang noch retten. Ich erinnere mich daran, dass Peter und ich uns immer sehr wählerisch gegeben haben in der Wahl des Zimmers, der Restaurants und auch der Mädchen. Schade, aber die Zeit ist vorbei.

Ich versuche, dass wichtigste hinüberzuretten und mir Selbstdisziplin aufzuerlegen. Vielleicht beginnt an der Algarve ja eine neue Zeit zu zweit. Zukunft ich komme. Gerade habe ich mir eine paar spanische Ausdrücke angewöhnt und schon geht es nach Portugal mit einer anderen Sprache. So ist es immer gewesen, aber ich mache diese Reise ja auch nicht als Sprachreise, sondern als Selbsterfahrungstrip. „Nach innen geht die geheimnisvolle Reise.“ wusste mein Deutschlehrer mir ein Novalis-Zitat mit auf den Weg zu geben. Und so langsam begreife ich die Worte.

Am Anfang meiner Reise wusste ich nicht, warum ich unbedingt losziehen musste. Ich wusste damals nur, dass ich gehen musste. So ganz allmählich spüre ich den Grund für diese Reise. Es ist eine Reise zu mir selbst. Ich möchte mich finden. Ich möchte wissen, wo und wie ich in der Welt stehe. Ich möchte Erfahrungen sammeln und sehen und für mich entscheiden, wo ich leben möchte. Wie kann man für sich entscheiden, wo man leben möchte, wenn man außer seinem Heimatland nichts gesehen hat? Woher weiß ich denn, ob das alles stimmt, was mir die Lehrer jahrelang erzählt haben, wenn ich es nicht nachprüfe? Natürlich kann das nur jeder für sich entscheiden, aber genau das ist ein Aspekt meiner Reise. Jahrelang wurde ich in der Schule mit Wissen vollgestopft, bis ich fast überlaufen sollte. Erfahrungen hingegen muss man selber machen, die kann man sich nicht erzählen oder vorleben lassen.

Eine Reise mit dem Rucksack um die Welt T27

Deshalb mein Tipp: Verabredet euch, wir Ihr schon nicht zusammen mitgenommen werdet (was immer noch das beste und einfachste wäre), an einem Platz, den es in jeder (oder sagen wir fast jeder) Stadt geben sollte: Haupt- oder Zentral-Post, Bahnhof, Polizeiwache oder Fremdenverkehrsamt.

Zeiten, die man abmachen will, kann man sowieso vergessen, da man es nicht in der eigenen Hand hat, diese auch einzuhalten. Probleme gibt es auch immer, wenn mal etwas Unvorhergesehenes passiert: Dem Fahrer geht das Benzin  aus, man wird in einen Unfall verwickelt oder hat eine Panne, und und und… Möglichkeiten gibt es da viele. Wie soll man seinen Partner in solchen Notfällen davon unterrichten, dass einem nichts passiert ist, bzw. was einem passiert ist? Ganz einfach: man macht eine gewisse Zeitspanne aus, in der man sich am beschriebenen Treffpunkt (Fremdenverkehrsamt zum Beispiel) meldet. Fremdenverkehrsämter sind auch dann eine gute Anlaufstelle, wenn Ihr der Landessprache nicht mächtig seid. (Versuche doch mal ohne ein Wort Arabisch zu sprechen, einem Araber beizubringen, dass er Deinen Freund ans Telefon holen soll!!!)

Wie man sieht, ist es nicht leicht zu zweit zu reisen, aber wenn man mit seinem Reise-Partner mal einige klare Absprachen getroffen hat, wird man mit viel Spaß für die Mühe belohnt. Es ist herrlich, fremde Menschen kennenzulernen und an ihrem Alltag teilhaben zu können. Der Horizont wird immer weiter und man fühlt sich einfach gut. Nie würde man unterwegs auf die Antwort kommen, warum es überhaupt Krieg auf der Welt gibt. Mit ein bisschen Weitblick und Toleranz Fremden gegenüber könnte die Welt doch ein Paradies sein, oder?

Unterwegs baut man sich so seine Lebensphilosophie auf.. Die Leute, die anhalten und mich mitnehmen, geben sich soviel Mühe. Ich habe das Gefühl, dass ich mich gar nicht richtig bei ihnen bedanken kann für das, was sie mir alles  geben. Statt „On the road“-Romantik heiß es oft genug warten und im Regen frieren.

Aber es lohnt sich auf nette Leute zu warten. Vielleicht ist das der Preis, den ich dafür zu zahlen habe. Bei jedem Wetter draußen an der Straße zu stehen und nichts weiter im Magen zu haben als den Ärger über den miserablen Standort, das ist wirkliche On the road Romantik pur.

Meine Schulter schmerzt vom schweren Rucksack, dass ich mir zum hundertsten Mal schwöre, das nächste mal nur halb so viel Gepäck mitzunehmen. Ich kann nicht mehr stehen. Meine Schürfwunden und Blasen an den Füßen sind wieder aufgegangen. Aufgeben? Nein, das nächste Auto hält bestimmt, aber das nächste oder das übernächste… Es muss einfach jemand bei diesem Sauwetter Mitleid haben mit mir.

Eine Reise mit dem Rucksack um die Welt T26

Als nun ein VW-Bus anhielt und meine Hippiefreunde freudestrahlend einstiegen, dachte ich nur Gott sei Dank, wieder ein paar Konkurrenten weniger. Als Sie aber nach kurzer Zeit wieder ausstiegen, und der Fahrer zu mir herüberwinkte, wusste ich erst nicht so recht, was das zu bedeuten hätte. Ich durfte meinen Rucksack ins Auto tun und mich hineinsetzen. Dann fuhren wir los- ohne die Hippies. Der Fahrer sagte mir dann, dass ihm die Hippies buchstäblich gestunken hätten und der Geruchstest bei mir positiv verlaufen wäre.

Irgendwie konnte ich einen Anflug von Stolz nicht unterdrücken, dass meine Regeln ihre von mir vorausberechnete Wirkung zeigten. Übrigens sollte man den Rucksack als letztes ins Auto packen, wenn man selbst schon einen Platz gefunden hat. Nicht selten ist es vorgekommen, dass das Mitnahmeangebot eines freundlichen Fahrers sich nur auf das Reisegepäck des Trampers bezog, ohne dessen Begleitung. Also war die nächste goldene Regel schnell gefunden. Schau Dir die Leute genau an, die Dich mitnehmen wollen und lass Deine Menschenkenntnis spielen. Zudem sorge irgendwie dafür, dass der Typ nicht mit Deinen Sachen abhauen kann. Vorsicht also, wenn Du an der Tankstelle alleine aufs Klo gehst und Dein Typ im Auto sitzen bleibt. Kaffeetrinken sollte man übrigens auch lieber zu zweit. Also, bitte nicht zu vertrauenswürdig (leichtsinnig) werden, auch wenn der Typ auf den ersten Blick einen sympathischen Eindruck macht.

Die nächste Regel lautet: Leihe niemals einem freundlichen Autofahrer, der Dich mitnimmt, Geld oder Wertgegenstände. Oft viel zu spät bemerkt man, dass der Walkman im letzten Auto geblieben ist, während man schon im nächsten Auto sitzt. Auch geliehenes Geld sieht man in der Regel nicht wieder. Abgesehen davon sollte man ohnehin die wichtigsten Papiere und einen entsprechend großen Notgroschen am Körper immer bei sich tragen und nicht im Rucksack lassen. Sonst steht man irgendwann total im Regen. Vorteilhaft wirkt sich auch hier wieder das Reisen zu zweit aus. Die Gefahr dabei ist nur, dass man nicht immer gern zusammen mitgenommen wird, da die Autofahrer (manchmal berechtigte) Angst haben, von zwei Trampern irgendwie zu irgendetwas genötigt zu werden. Mit einem einzelnen Tramper glaubt komischerweise irgendwie jeder zurechtzukommen. Die sollten sich mal einige meiner Kollegen genauer ansehen.  Aber die Überlegung ist echt entscheidend.

Manchmal muss man eben Kompromisse schließen, um überhaupt von manchen Orten wegzukommen. Der Kompromiss wäre dann, dass jeder für sich allein sein Glück versucht und man vorher abgesprochen hat (nicht vergessen: vorher!), wo man sich genau wieder trifft, um dann ein Zimmer oder ähnliches zu zweit anmietet. Diesen Treffpunkt auszumachen, ist nicht immer einfach, zumal man ja meistens die Örtlichkeiten der nächsten kleineren oder auch größeren Stadt in der Regel nicht kennt. Selbst wenn man ein billiges und gutes Hotel in dem Ort kennen sollte, kann man natürlich vorher nicht wissen, ob gerade in dem Moment etwas frei ist.